Postwurfsendung No. 24
– Juli … schon wieder –
Wie alle länger hier Lesenden wissen, sind die Juliausgaben dieser Postwurfsendungen von einem gewissen sommerlichen Ennui geprägt. Dies ist auch in diesem Jahr nicht anders. Schließlich sollte man liebgewonnene Traditionen niemals brechen, so sie sich denn etabliert haben. Darum also auch in diesem Jahr: Seufz.
Wobei wir eigentlich nicht mit einem Seufzen, sondern einem dreifach donnernden Hurra in diese Postwurfsendungen starten sollten. Das Bureau hat nämlich ein Cover. Beziehungsweise ist wirklich ganz kurz davor, eines zu haben.
Daran haben Sie alle nicht mehr geglaubt, nicht wahr?
Optisch wird es ganz wunderbar zu dem der Haarigen Angelegenheit passen. Was dann aber auch der kleinste gemeinsame Nenner sein wird, da unsere Autorin mit ihrem zweiten Buch ja, wie schon mehrfach angedeutet, einen Genrewechsel hinlegen wird. Und zwar von Pretty Woman mit einem Drehbuch von John Irving in der Verfilmung von Wes Anderson hin zu Scheibenwelt oder Zamonien mit einem Hauch von Kafka. Von der Romantik mitten hinein ins Getümmel der Fantasy sozusagen.
Was man übrigens nicht tun sollte. Also so einen Genrewechsel. Der ist nämlich Gift. Weil die geneigte Leserschaft Erwartungen hat. Sagen die ganzen Schreibratgeber und alle anderen, die es wissen müssen. Gift ist übrigens auch ein für das Genre untypisches Cover. Wegen den Erwartungen der geneigten Leserschaft. Und nun raten Sie mal alle … richtig.
Eine Kernkompetenz unserer Autorin ist es, Erwartungen zu enttäuschen.
Aber das können Sie bald alle selbst mit eigenen Augen bewundern. Oder lesen.
Den steigenden Temperaturen zum Trotz ist der Wortpegel bei den in Arbeit befindlichen Projekten ebenfalls weiter angestiegen. Und nicht nur das, bei Opus No. 4 ist obendrein die Kapitelzahl wieder um eines gewachsen, was offen gestanden daran lag, dass Kapitel No. 13 dergestalt ausuferte, dass es schlicht geteilt werden musste.
Der Stand bei den Wortklaubereien im Juli lautet deshalb:
Opus No. 3 (Arbeitstitel Blut, Schweiß und Tränen): 72.651 Wörter; 6/52 Kapitel
Opus No. 4 (Arbeitstitel Crazy Hühnerbuchhandlung): 58.406 Wörter; 13/31 Kapitel
Tatsächlich tendieren die Kapitel bei der verrückten Hühnerbuchhandlung dazu, im Durchschnitt deutlich länger zu sein, als etwa die Kapitel der Haarigen Angelegenheit, des Bureaus oder von Opus No. 3 (dessen Arbeitstitel wohl im Übrigen besser in Auf Eis gelegt umgewandelt werden sollte, was auch hervorragend zum Inhalt … aber ich schweife wieder ab… ). Es bleibt jedenfalls spannend, ob noch weitere Kapitel geteilt werden müssen.
Kommen wir zur angekündigten Weltenschwere dieser Postwurfsendung.
All diejenigen unter der treuen Leserschaft, die sich bereits an der ersten Postwurfsendung dieses Jahres delektiert hatten, mögen sich eventuell daran erinnern, dass auch die Kaps ihren Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen pflastert. Einer davon lautete etwa, sich Jean Pauls Hesperus und mindestens zwei (!) zeitgenössischen Romanen zu widmen.
Nach nur einem halben Jahr kann die Kaps nun zumindest verkünden, einen dieser zeitgenössischen Romane angefangen zu haben. Womit wir zum Salon literarischer Skurrilitäten kommen, der heute mit einem besonderen Schmankerl, quasi dem Großmeister des Skurrilen, Makabren und Abstrusen aufwartet: John Irving.
Wobei Schmankerl bei diesem, wahrscheinlich letzten Roman des 83-jährigen Autors, nicht ganz korrekt ist. Das Werk umfasst sportliche 1080 Seiten und unsere Autorin ist ungefähr auf Seite 500 steckengeblieben. Momentan spricht sie noch von »vorerst«, aber wir sollten uns wohl nichts vormachen.
Was eigentlich ein rechter Jammer ist.
Denn Irving zählt nicht nur zu den drei (lebenden) Schreiberlingen, deren Bücher die Kaps ohne Rücksicht auf Cover oder Klappentext kauft (und liest), sondern er ist einer der Gründe, warum sie überhaupt erst selbst zum Stift gegriffen hat. Beziehungsweise das Verfassen von Geschichten mit einem gewissen Ernst verfolgt. Geschichten geschrieben und erzählt hat sie schließlich schon vorher, allerdings nicht mit der hierfür notwendigen Entschlossenheit.
Welchen seiner Romane sie zuerst gelesen hat? Das Hotel New Hampshire aus dem Regal ihrer Schwester? Oder doch eher das eigenständig erworbene, ausrangierte Bibliotheksexemplar vom Garp? Und wann? Noch in der Schule? Wahrscheinlich. Sie kann es nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Zirkuskind hat sie jedenfalls in ihrem Unglück zwischen Labor und Jugendherberge in ihrer ersten Uni-Woche gelesen, den Owen Meany während des Blechtrommel Proseminars im zweiten Semester Germanistik, da der Irving schließlich vom Grass inspiriert wurde und überhaupt deutlich spaßiger zu lesen war. Möglicherweise hat sie sich gar in ihrer dazugehörigen Hausarbeit damit auseinandergesetzt. Aber um dies hieb- und stichfest sagen zu können, täte ein Blick in eben diese Hausarbeit Not und die ist entweder in den Tiefen der Zeiten untergegangen oder zum Wiederfinden zu sorgfältig aufgeräumt. Passagen in den beiden Büchern sind jedenfalls in aufeinander abgestimmten Farben markiert, was immerhin für ein vergleichendes Lesen spricht.
Und dann spukt im Hirn der Kaps außerdem noch ein Erinnerungsfetzen an Gottes Werk und Teufels Beitrag in einer sonnenbeschienen Straßenbahn auf dem Weg in die Innenstadt der alten Universitätsstadt herum, der sich zeitlich jedoch auch nicht mehr enger einordnen lässt. Wahrscheinlich aber vor den Owen Meany und das Proseminar zu setzen ist.
Im Hintergrund von all dem simmerte die Haarige Angelegenheit. Die, wie schon einmal in den Postwurfsendungen erwähnt, eigentlich die Geschichte eines Insolvenzverwalters in einer Kleinstadt war, in deren Handlung ein Callgirl mit einem koksenden Filmstar im Schlepptau platzte – einzig und allein aus dem Grund, da in den Romanen von Irving, die unsere Autorin bis dato gelesen hatte, immer irgendwo Prostituierte auftauchten. Und sie darum auch eine in ihren eigenen schriftstellerischen Gehversuchen haben wollte. Der Rest ist Geschichte sozusagen. Das Callgirl und der Filmstar rissen die Handlung gänzlich an sich und der Insolvenzverwalter wurde zu einer Fußnote in „seinem“ Roman.
Aber um noch einmal auf den Sessellift zurückzukommen: Die Motive (Ringen, Schreiben, Verluste) sind zwar dieselben wie eh und je (nur ein Bär ist bis Seite 500 noch nicht aufgetaucht) und sämtliche absurden Abstrusitäten sind vertraut und tragikomisch. Doch ist alles zu viel und … sogar überflüssig und zugleich fehlt etwas.
Der zündende Funke oder das Moers’sche Orm.
Ein hart durchgreifender Lektor?
Vielleicht sind die Helden von früher aber auch bloß alt und müde geworden und man selbst mit ihnen älter und wenngleich (noch) nicht müder so doch pingeliger. Da man ahnt, und Irving dies bereits mehr oder weniger bestätigte, dass alles, was nun kommt, höchstens noch ein Edwin Drood werden wird, und man sich als Abschied nicht unbedingt einen erschöpften Abgesang erhofft hatte.
Dennoch: Wer Irving noch nicht kennt und trotz des Gebrabbels hier neugierig geworden ist und sich nicht von Wälzern (im Schnitt um die 800 Seiten) abschrecken lässt, sollte ihn unbedingt lesen, jedoch nicht mit diesem letzten Roman beginnen. Lieber mit einem der anderen genannten (oder nicht genannten), selbst dann, wenn man gerade kein Labor, eine Jugendherberge, ein Blechtrommel Proseminar oder gar eine Straßenbahn zur Hand hat.
Und damit entlasse ich Sie – passend zum Schmankerl aus dem Salon der literarischen Skurrilitäten – auch heute wieder mit einer Weisheit aus der Wundertüte der Weltliteratur:
»Wenn ich von der Straße abkomme und kopfüber in einem Graben lande und weder die Beine bewegen, noch das Auto verlassen kann, dann möchte ich etwas Gutes zum Lesen dabeihaben – ein Notfallbuch«, erklärte er.
John Irving, Der letzte Sessellift.
Postskriptum
Für alle, die bis hierhin durchgehalten haben, es vor Spannung kaum noch aushalten können und nach dieser halben literaturwissenschaftlichen Abhandlung eine Aufmunterung brauchen, sei hier schon verraten, dass die Farben des Covers Grün, Violett und Hellblau sein werden.





