Es ist Oktober! Und die länger hier Lesenden mögen sich vielleicht daran erinnern, dass die Kaps im vergangenen Jahr für den Oktober eine passende Depesche bzw. ein passendes Märchen aus dem Freien Königreich Xarelien angekündigt hatte, die bzw. das dann bedauerlicherweise ausgefallen ist. Aber da aufgeschoben ja nicht gleich aufgehoben ist, greifen wir heute Samhain vor und erfahren mehr von einem der gruseligeren Fabelwesen Xareliens.

Der Schwarze Hund, oder auch Grim genannt, ist ein übernatürliches, gar dämonisches Wesen, das uns vor allem aus der englischen Folklore bekannt ist. Dabei sind in der gesamten europäischen Mythologie und Sagenwelt Hunde (insbesondere schwarze) als Wächter der Unterwelt geläufig. Die Gestalt jener Fabelwesen wird für gewöhnlich als übernatürlich groß beschrieben, mit rot oder gelb glühenden Augen. Man begegnet dem Grim zumeist an Kreuzungen, Grabhügeln, Richtstätten und Hohlwegen. Der Grim gilt einerseits als Todesomen, andererseits als wohlwollendes Geschöpf, das mitunter verirrte Wanderer in der Dunkelheit zurück auf den richtigen Pfad führt oder sie vor Gefahren beschützt.
Auch in vielen xarelischen Märchen spielt der Grim – im Volksmund Schattenhund genannt – eine nicht unbedeutende Rolle.
So wird in allen Amtssprengeln des Freien Königreiches von Sichtungen jener unheimlichen Wesen berichtet. In den Lochgefängnissen zu Nurnsteinau soll etwa vor Hinrichtungen ein Schwarzer Hund gespukt haben, nachdem ein der Hexerei angeklagter Gelehrter noch vor seinem Prozess von den Wärtern erschlagen worden war. In Strubinek hingegen werden bisweilen während Vollmondnächten leichtsinnige Spätheimkehrer von einem ganzen Rudel Schwarzer Hunde durch die Hundsgass gejagt. Im Kraxlmoor wiederum führt ein Schwarzer Hund, der eine klirrende Kette hinter sich herschleift, verirrte Wanderer auf feste Pfade zurück. Auch um das bis heute existierende Gasthaus zum alten schwarzen Hund in Brambelberg rankt sich eine Legende aus diesem Sagenkreis. Es soll nämlich vor dreihundert Jahren mit den Goldstücken eines verborgenen Schatzes gegründet worden sein, den ein Landstreicher unter einer verdorrten Eiche im Umland der Stadt gefunden hatte. Zuvor war ihm an einer Wegkreuzung ein Schwarzer Hund erschienen, der ihn dorthin geführt hatte.
Die ungewöhnlichste dieser Sagen ist jedoch die von den Schattenhunden der Grimmburg.
Auf der Weisenhager Alb liegt noch heute ein liebliches Wasserschloss, das einst Seeburg genannt wurde. Seine Bewohner jedoch führten ein frevelhaftes Leben. Sie schikanierten ihre Bauern und pressten ihnen den Zehnten ohne Rücksicht auf schlechte Ernten oder Viehseuchen ab. Statt in die Kirche zu gehen, ritten sie an Sonntagen auf die Jagd. Sie spotteten den Sakramenten, neigten zu Ketzerei und feierten stets rauschende Feste am Karfreitag. Daneben frönten sie heidnischen Bräuchen und entzündeten große Sonnwendfeuer oder tanzten um den Maibaum. Ihre Ehen schlossen sie bei Nacht, vor dem Herdfeuer ihres Schlosses. Sie sollen gar einen Pfarrer erschlagen haben, der auf seiner Kanzel gegen sie sprach.
Tatsächlich stand die Familie mit dem Teufel im Bunde und dies trug sich folgendermaßen zu:
Im Jahre 1466 obwaltete ein besonders lasterhafter Herr über das Wasserschloss, dessen Sündenregister die seiner Vorfahren um ein Vielfaches überstieg. So verderbt war er, dass er sich aus langer Weile Hexenkräfte wünschte. Er rief also den Teufel herbei und dank des liederlichen Lebenswandels, den die Familie seit Generationen pflegte, erschien dieser ohne sich lange bitten zu lassen sogleich in der Gestalt eines zwergenhaften, am ganzen Leib mit schwarzen Zotteln bedeckten Geschöpfes im Herdfeuer.
Der Hausherr trug seinen Wunsch vor und weil seine Seele so abscheulich war, dass nicht einmal der Teufel sie haben mochte, erwiderte dieser: »Wenn ich dir Hexenkräfte verleihen soll, so musst du mir deinen Schatten geben.«
Freilich sah der Herr der Seeburg in der Forderung des Teufels keinen Haken. In seinem Hochmut dachte er nämlich, es sei ein leichtes, ohne Schatten zu leben.
So nahm ihm der Teufel seinen Schatten und verlieh ihm die ersehnten Hexenkräfte dafür. Diese nutzte der Herr der Seeburg dann sogleich, um die Ernten seiner Nachbarn durch Hagelstürme zu vernichten und ihre Dörfer niederzubrennen. Außerdem sah man den Hexer auf einem Besen durch die Nacht reiten, auf den Richtstätten und Friedhöfen der Umgebung schwarze Magie treiben oder Altarkerzen aus den Kirchen stehlen.
Doch geht man mit dem Teufel einen Bund ein, bleibt dies nicht ohne Folgen. Dem Herrn der Seeburg erging es nicht anders. So merkte er bald, dass er ohne Schatten überall als Hexer erkannt wurde. Zu seinem großen Verdruss begann er zudem, eine Handbreit über dem Boden zu schweben, da er keinen Schatten mehr hatte, der ihn auf der Erde verankerte. Obendrein fürchtete er, zu einem Wiedergänger zu werden, wenn er ohne seinen Schatten starb. Und so sann er darüber nach, wie er sich einen neuen Schatten beschaffen könne.
Nun stand etwa vier Meilen von der Seeburg entfernt bei Grauenstein das Wolfskreuz. Man munkelte, die Bauern hätten dort während eines harten Winters einen umherstreifenden Wolf erschlagen, der ein Kind aus dem Dorf verschleppt und gefressen hatte. Dort begegnete Reisenden in mondlosen Nächten gelegentlich ein Grim.
Der Herr der Seeburg wusste um jenen Geisterhund und beschloss, diesen für seine Zwecke zu nutzen. Weshalb er sich also beim nächsten Neumond mit einer rostigen Eisenkette zum Wolfskreuz begab. Die Eisenkette legte er in einem weiten Bannkreis um das Kreuz, streute noch Salz darüber und wartete sodann auf das Erscheinen des Grims. Als dieser einem finsteren Nebel gleich aus dem Erdboden aufstieg, sprengte der Hexer gestohlenes Weihwasser über ihn, sprach einen faulen Zauber und band das dämonische Wesen auf diese Weise an sich. Wie ein Schatten folgte der Grim dem Hexer daraufhin auf Schritt und Tritt und der Herr der Seeburg, dergestalt stolz auf sein Werk, nannte sich selbst fürderhin Meister Grimmschatten.
Der Teufel wiederum fühlte sich durch den Witz des Hexers betrogen und verfluchte deshalb ihn und seine Nachfahren. Sie alle verfügten über schwarze Zauberkräfte und wurden anstelle eines Schattens mit einem Grim geboren. Oft streunte darum ein ganzes Rudel jener Schattenhunde um das Wasserschloss und den nahen Weiher und zerfetzten jeden, der zu nahe kam. Die frommen Menschen im Umland hielten sich deshalb fern. Weder das Schloss noch seine Bewohner nannten sie länger bei ihrem Namen, sondern sie sprachen nur noch von der verwunschenen Grimmburg und der verfluchten Familie Grimmschatten darinnen.
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